von H.Rausch, Bilder von R. Winter, zur Verfügung gestellt von L. Rausch

Das Ende der Weißergasse –

ein merkwürdiger Titel, werden einige denken. Das Ende der Weißergasse? Die Weißergasse gibt es doch noch, oder nicht? Nun, es gibt sie noch die Weißergasse, aber verglichen mit dem, was einst ein eigener Stadtteil war, in dem Tausende von Menschen über Jahrhunderte das älteste Volksfest von Koblenz feierten, ist nicht mehr viel übrig geblieben. Wer heute durch die Weißergasse geht, tut dies zu 90 % lediglich, um zu seinem Auto zu gelangen, das auf dem Saarplatz oder in der Weißergasse abgestellt ist. Das pulsierende Leben, die vielfältigen Aktivitäten und Vereine, die bekannten Koblenzer Namen, deren Familien über Generationen in der Weißergasse gelebt hatten, all dies ist fast vollständig verschwunden.

Die ersten Vorbereitungen werden vor der Kulisse der Klosterruine getroffen

 

Der entscheidende Einschnitt war, wie in der gesamten Koblenzer Innenstadt, sicherlich der zweite Weltkrieg, und hier insbesondere die Bombardierungen in den letzten Kriegsjahren, in denen gezielt die deutschen Städte vernichtet wurden. So blieb auch in der Weißergasse kaum ein Haus erhalten, die Bilder von der ersten zugelassenen Nachkriegskirmes 1948 zeigen eine Menschenmenge inmitten von Schutt und Trümmern. Aber es gab noch einen entscheidenden Einschnitt im Leben dieser Straße, der 10 Jahre nach dem Ende des Krieges statt fand. Im Zuge des allgemeinen Aufschwungs wurden in den frühen fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts vielerorts die Ruinen und Reste der früheren Bebauung niedergerissen, um Platz für neue Straßen und Gebäude sowie aus damaliger Sicht „wertvolle“ Plätze zu schaffen. Eines der vordringlichsten Ziele damals war es, schnell Wohnraum zu schaffen und das Leben für die Menschen in den zerstörten Städten wieder lebenswert zu machen.

Die Trasse der Straße wird angelegt. Dort, wo der Bagger steht, entsteht auf dem Schutt der Häuser die heutige Grünfläche

 

Wie sich später zeigte, war der Begriff „lebenswert“ damals ganz offensichtlich anders besetzt als heute. Diese Phase, die bis weit in die Sechziger hinein reichte, bescherte unserer Stadt u.a. solche städtebaulichen Kleinode wie den Zentralplatz und das Hochhaus in der Rheinstraße, die vielleicht damals als zweckmäßig oder gar schön angesehen wurden, aber in Wirklichkeit vielfach zum Verlust der unverwechselbaren Identität unserer Heimatstadt führten. Auch die alte Weißergasse wurde ein Opfer dieser eigentlich gut gemeinten Aufbruchsstimmung. Von der Vorkriegsstruktur war nicht mehr allzu viel vorhanden, die meisten Häuser waren Totalverluste nach den verheerenden Bombenangriffe insbesondere vom 6. November 1944. Einige Häuser jedoch wie z.B. das Hotel Weinand oder die Gaststätte „Zum Sönnchen“ waren zumindest noch teilweise erhalten. Insbesondere jedoch das wichtigste Wahrzeichen der Weißergasse seit 1233, das Dominikanerkloster, war im Vergleich zu anderen Bauruinen in Koblenz relativ gut erhalten. Die Außenwände waren überwiegend stehen geblieben, in Nebengebäuden war teilweise war sogar noch die Bedachung vorhanden, und es wäre mit einigem Aufwand sicherlich möglich gewesen, dieses Herzstück der Weißergasse, in dem vor dem Krieg mehr als 700 und während des Krieges teilweise noch deutlich mehr Menschen lebten, wieder erstehen zu lassen. Die damaligen Stadtväter jedoch setzten andere Prioritäten. Eine neue Straße sollte entstehen, und auf dem Schutt der Häuser, in denen viele Tausend Menschen einst lebten, wurde eine Straße errichtet, die heutige Anbindung an den Saarplatz.

Argwöhnisch betrachtet von den Anwohnern nehmen die Bauarbeiten ihren Lauf

 

Auch für das Kloster läuteten in diesem Jahr 1955 die Todesglocken, als die Bagger anrückten. Zunächst jedoch war die neue Straße ihr Ziel. Zurückblickend betrachtet ist es unverzeihlich, dass ein großes Stück Koblenzer Kulturgeschichte, ja des Rheinlandes (das Koblenzer Kloster war die erste Ansiedlung der Dominikaner im Rheinland) vernichtet wurde. Wenigstens das Barocktor, das seinerzeit ebenfalls abgerissen werden sollte, konnte durch den energischen Widerstand der Weißergässer gerettet werden und hat seit der Neuerstellung der Figuren seine alte Identifikationsrolle für die Bürger wieder übernommen. So schmückt dieses Tor nicht nur die Abzeichen der Weißergasser Kirmesgesellschaft und des MGV Viktoria, sondern auch die Iwwerfiehrte, eine traditionsreiche Koblenzer Karnevalsgesellschaft, deren Ursprünge ebenfalls in der Weißergasse liegen, haben das Tor als Symbol für die „alte Weißergasse“ in ihr Vereinsabzeichen aufgenommen. Abgesehen von der denkmalpflegerischen Bedeutung dient es auch den „Clemis“ den Schülern der Clemens-Brentano-Realschule auf dem Platz des ehemaligen Klosters, als unverwechselbares Identifikationssymbol. Ein solches Tor kann keine andere Schule in Koblenz (und wohl auch anderswo) vorweisen.

Der Blick in Richtung Saarplatz. Links im Bild das Hotel Weinand

 

Es gibt noch ein Tor aus der Zeit vor dem großen Krieg, das die Wirren der Zeit überstanden hat und auch heute noch zu sehen ist. Das Eingangstor des alten Adelshofes der Bassenheimer wurde am Pfarrhaus Liebfrauen integriert und ist somit ein weiterer Zeuge der „guten alten Zeit“. In den zum Artikel gehörenden Bildern die aus einem Album von Rudolf Winter stammen, ist die Verwandlung festgehalten.

Kloster und Bassenheimer Hof, ein trauriges Bild