Im letzten Heft begann mit dem Artikel über die Kastorgasse eine Serie zur Erinnerung an eine fast dreißig Jahre alte Reihe in der Rhein-Zeitung. Willi K. Michels hatte damals eine Heimatserie mit dem Titel „Unsere Straße“ verfasst, die regelmäßig auf großes Interesse bei den Lesern stieß. In diesem Heft ist seine Beschreibung der Weißergasse abgedruckt, die Bilder waren damals nicht Bestandteil des Artikels.

 
„Stiwwele, Stiwwele Stang,
Vur da Castorschgässer
hammer kai Bang,
Komm gieht er mit ennet Gäßje,
dann haue mer eich dat Schäßje!“
(Text aus dem Koblenzer Heimatbuch von H. Bellinghausen, 1926)

Wer kennt dieses Lied nicht, mit dem die Kinder seit ewigen Zeiten am 10. November, dem Vorabend zum St-Martins-Tag eines jeden Jahres, mit den „Meerdeszügen“ ziehen? Schon als Fünfjähriger, gerade dem Kindergarten  entwachsen, ging ich, stolz  meine leuchtende Laterne vor mich hertragend, hinter dem heiligen Martin her, der hoch zu Ross von Tausenden begleitet durch die Altstadtstraßen ritt. Dabei erklang immer wieder dieses Lied, wobei die Kastorgassen-Jugend natürlich sang, dass sie vor den Weißergässern keine Angst hat. Seinen eigentlichen Sinn versteht wohl heute, genau wie damals, kein kleiner Bub.

Ursprünglich war es als Drohlied gedacht, als es vor langen Zeiten stets im Herbst zwischen der Jugend der Weißergasse und der Kastorgasse beim Sammeln von Brennmaterialien für das Meerdesfeuer am Moselufer zu Streitereien kam. Doch die „Krachzeiten“ sind längst vergessen. Heute wird der Meerdeszug in einträchtiger Interessengemeinschaft von St. Kastor und der Weißergässer Kirmesgesellschaft unter Oberleitung von Toni Otto durchgeführt. Kinder aus der ganzen Stadt sind dabei. Mitorganisatoren sind der Elternkreis von Liebfrauen und die Bürgergruppe Altstadt.

Weissergasse 1937 vom Gasthaus Teusch

 
Gesunder Bürgersinn
Dieses Engagement für die Jugend ist bezeichnend für den gesunden Bürgersinn auch der Leute aus der Weißerstraße. Als am 6. November 1944 bei einem Bombenangriff ebenfalls diese Straße in Trümmer fiel, hat wohl so mancher Koblenzer gedacht, damit sei es endgültig aus mit den Aktivitäten der Weißergässer Bürger und aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Dem war nicht so. Auch heute noch strahlt die kleine, kaum 150 m lange Weißerstraße eine Lebendigkeit aus, wie sie nicht überall angetroffen wird. Sie ist aus der Tradition der Weißergässer gewachsen. Um es genau zu verstehen, muss man mit alten Bürgern dieser Straße gesprochen haben, etwa mit Christ Schultheis, dem unverwüstlichen Schlossermeister, mit dem Ex-Buchdrucker Nikolaus Wagner, mit Castells Hans oder mit dem Vorsitzenden der Weißergässer Kirmesgesellschaft, Ludwig Rausch. Sein gastliches Haus liegt nur einen Steinwurf weit weg im Altenhof, im Volksmund „Auf der Retsch“ genannt. Viel von früher ist auch in den fünf Lokalen zu erfahren, die es heute noch auf der Weißerstraße gibt und die die Stammlokale vieler Koblenzer Vereine sind. Vor dem Krieg waren es sage und schreibe 13. In Worten: dreizehn! Dort kann man auch den Werner Kratz treffen oder manchen anderen Koblenzer Karnevalisten.  Schließlich  kommt  auch  die  stadtbekannte Dommermuth-Dynastie aus der Weißergasse.
Dies habe ich aus allen Gesprächen vernommen: Bis Ende 1944 lebten in der Weißerstraße rund 2500 Menschen. Das Leben lief Tag und Nacht recht rege ab. Drei Bäckereien gab’s, drei Lebensmittelgeschäfte, eine Metzgerei. Und, wie bereits erwähnt, 13 Gasthäuser.

Bassenheimer Hof

 
Wenn man in den dreißiger Jahren von der Balduinbrücke kam und in die Weißerstraße einbog, lagen rechts die Schule Bassenheimer Hof und dicht daneben das alte Dominikanerkloster, das im Ersten Weltkrieg ein Lazarett und später das Versorgungsamt beherbergte. Die Koblenzer Kaufmannsfamilie Eckerskorn, aus der Weißerstraße stammend, erhielt einst von diesem Kloster eine wertvolle Madonna, die, gestiftet von den Eckerskorns, heute in einem Seitenaltar von Liebfrauen ihren Platz hat. Die Kirmesgesellschaft brachte sie vor Jahren in feierlicher Prozession von der Weißergasse zur Kirche.

Baumträger in der Weißergasse

 
Noch ein Dutzend Häuser
Auf der linken Seite zogen sich Bürgerhäuser vor allem bis zur Fischelstraße hin, die heute nur noch aus einem Haus besteht, dem Gebäude der Gräfin von Königsmarckschen Weinkellerei. Die Weißerstraße hat jetzt immerhin noch fast ein Dutzend Häuser. Darin leben knapp 200 Menschen. Im Kriege stehengeblieben ist als einziges Haus das Hotel Weinand. Das „Quetschelädche“ kam nach dem Krieg noch einmal für einige Zeit mit seinem Namen zum Vorschein, heißt aber heute Restaurant Scheer.
Frühere Weißergässer, die heute überall in der Stadt verteilt wohnen, zieht es immer wieder hin zu ihrer alten Straße und zu ihren Vereinen, der Karnevalsgesellschaft „Die Iwwerfiehrte“ unter ihrer Präsidentin Anneliese Krämer, dem MGV Viktoria, dessen Mitglieder auch fast alle der Kirmesgesellschaft angehören.
Wenn die „KG“ feiert, dann ist immer etwas los. Männer wie Peter Malmen, Dr. Franke, Dr. Richter und Leo Conzen sind  Ehrenmitglieder. Selbstverständlich ist der Pastor von Liebfrauen, Regionaldekan Lambert, stets dabei.
Hoch geht’s her, wenn am ersten Sonntag im Oktober der Kirmesbaum geschlagen und aufgestellt wird. Bei einem solchen Anlass soll auch einmal die Kaiserin Augusta mit dabei gewesen sein. Sie stiftete für alle kommenden Jahre jeweils einen Baum. Die Stadtverwaltung hat sich bis heute daran gehalten. Sie gibt 20 Mark stets als Zuschuss für den Baum, wobei manche Bürger Angst haben, die Stadt könne sich finanziell übernehmen.
Die Kirmes
Neben der Lützeler und der Niederberger ist die Weißergässer Kirmes eine der ältesten (seit 1233) im Stadtleben. Hier wird auch noch fleißig die Mundart gepflegt. Viele kennen das Lied „Zo Kowelenz in der Weißergaß“ von Johann Anton Leroy 1829 gedichtet. Es wurde nicht ganz so berühmt wie das „Kowelenzer Schängelche“ des Josef Cornelius, das dieser 1914 schrieb und das Karl Kraemer vertonte.

Gruppenbild mit Baum zur Kirmes 1925

 
Heute präsentiert sich die Weißerstraße als nicht zu übersehende Ecke von Koblenz mit dem Stadtbad und mit der Brentano-Realschule. Den Eingang zum Schulhof ziert das Rokokoportal des einstigen Klosters. Es zeigt die nach dem Krieg vom Bildhauer Rudolf Scheuermann nachgebildeten Figuren der Maria, die flankiert wird vom hl. Dominikus und dem Thomas von Aquin. Genau gegenüber führt eine Hausdurchfahrt (sie trägt den Namen Weißernonnengasse, zur Erinnerung an das Schwesternheini, das hier einmal stand) nach wenigen Metern zur Autoeinfahrt des Bundesarchivs und der Dienststelle des Bundesgrenzschutzes.
Im Vorfeld der City liegend, ist auch die Weißerstraße heute nicht mehr vom Autoverkehr verschont. Tagsüber gleicht sie einer Kraftfahrzeug-Karawanserei. Sonntags ist sie eine stille Oase. Besonders angetan sind die Menschen, die dort leben, von dem vielen Grün der Bäume und Sträucher, die der Weißerstraße das Gefühl einer von früher her nie gewohnten Geborgenheit und Zufriedenheit verleihen.
Übrigens, warum heißt die Straße Weißerstraße? Natürlich klar: Weil sie Richtung Moselweiß führt. Im 13. Jahrhundert, als man durch die Weißer-Pforte die ummauerte Stadt moselwärts verlassen konnte, leuchtete das leicht ein. Heutzutage ist das in der Großstadt Koblenz schon etwas schwieriger zu verstehen.

Bassenheimer Hof und Kloster nach 1945